Berlin ist nicht überall

FKG, DVG, TSVG, MDK – immer mehr Gesetzesentwürfe verlassen das Gesundheitsministerium (BMG) in Berlin. Und mit jedem legt Jens Spahn den Finger in eine Wunde. Das Problem ist nur, dass er mit seinen vorgeschlagenen Wegen über das Ziel hinausschießt.

Versorgung geschieht vor Ort

Denn statt eine qualitativ bessere Versorgung für die Versicherten in Deutschland zu gewährleisten, sind die bisherigen Initiativen aus der Berliner Friedrichstraße geprägt von zentralistischen Tendenzen und dem Vorhaben, Entscheidungsbefugnisse ins BMG zu überführen. Die Partner der Selbstverwaltung sowie die Bundesländer bleiben dabei außen vor. Dabei sind sie es, die Versorgung gestalten.

Kleinerer Gestaltungsspielraum

Nicht erst seit dem „Gesetz für eine faire Kassenwahl in der gesetzlichen Krankenversicherung“ (GKV-FKG) sind diese Tendenzen sichtbar. Bereits in dem am 11. Mai 2019 in Kraft getretenen „Terminservice- und Versorgungsgesetz“ (TSVG) hat Jens Spahn die ersten Themenbereiche an die Spree geholt. Seitdem können Krankenkassen Hilfsmittel nicht mehr ausschreiben und auch Rabattverträge für Impfstoffe sind seitdem verboten. Was die fehlende Planung in letzterem Bereich für Auswirkungen haben kann, hat sich in der vergangenen Grippesaison gezeigt: fehlende Planungssicherheit bei den Herstellern führt zu weniger Produktion und damit zu einem Engpass an Grippeimpfstoffen. Auch die Anhebung der zentral verwalteten Selbsthilfeförderung auf mind. 70 % hilft den Menschen vor Ort nicht, sondern verkleinert nur den Spielraum der regionalen Akteure.

Zentralisierung ist der falsche Weg

Über 100 Projekte zur Sicherstellung der Versorgung im ländlichen Raum.

Generell scheint es, als ob für Jens Spahn die medizinische Versorgung ohne Probleme bundesweit zentral aus Berlin gesteuert werden könnte. Wie sonst lässt sich der Vorstoß des Gesundheitsministers im GKV-FKG erklären, die regionalen AOKs unter Aufsicht des Bundesversicherungsamtes stellen zu wollen, indem er sie bundesweit öffnen lässt? Ein Irrglaube, denn die Versorgung findet regional statt und muss daher regional organisiert werden. Die AOKs verfügen dank ihrer regionalen Verwurzelung über die besten Kenntnisse, wie die Herausforderungen vor Ort angegangen werden können. Die gefundenen Lösungen können auch nicht 1:1 ins gesamte Bundesgebiet übertragen werden. Selbst in Sachsen und Thüringen sind keine zwei Regionen miteinander vergleichbar: Leipzig steht vor anderen Problemen als Erfurt und Görlitz vor anderen als Gera. Dank über 140 Filialen und einer starken regionalen Verwurzelung kann die AOK PLUS diese Herausforderungen erkennen und mit den Akteuren vor Ort Lösungen entwickeln. Es braucht nicht weniger, sondern mehr regionalen Gestaltungsspielraum!

Selbstverwaltung garantiert hochwertige Versorgung

Weniger offensichtlich sind die Bestrebungen des Bundesgesundheitsministers, die soziale Selbstverwaltung zu entmachten. So wird zum Beispiel im Implantateregister-Errichtungsgesetz davon gesprochen, dass das BMG zukünftig selbst und am Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) vorbei Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zulassen darf. Ohne evidenzbasierte Bewertung. Das gleiche ist im Feld der Gesundheits-Apps vorgesehen, wie im Digitale Versorgungsgesetz (DVG) zu lesen ist. Die Selbstverwaltung hat sich im Laufe ihres Bestehens bewährt. Auch wenn manche Kritikpunkte zutreffen, wird sie mit den vorgelegten Gesetzesentwürfen ausgehebelt. Die AOK PLUS als Teil der Selbstverwaltung setzt sich dafür ein, dass dieser Weg nicht beschritten wird.

Woher sollen die Herren in Berlin wissen wie es dem GKV Versicherten geht sind doch durch das Einkommen PKV.

Antworten

Ich will gar nicht in Abrede stellen das eine zentrale Verwaltung und zentrale Vorgabe von Regeln nicht wünschenswert ist, aber ich denke zumindest große Teile der Problematik haben sich die Krankassen und von den Gesetzen betroffen Institutionen selbst eingebrockt.
Bspw. beim Thema Digitalisierung habe ich nicht das Gefühl, das sich da viel ohne Druck von oben bewegt – vllt. mal abgesehen von der Techniker Krankenkasse, bei der man das Gefühl hat, dass sie versucht proaktiv zu gestalten und nicht nur ggü. Anderen aufzuholen. Die AOK Plus scheint da eher (eben durch Druck von oben) nachzuziehen. Fairerweise muss man aber erwähnen, das die AOK da auch wesentlich weiter als manch andere Krankenkasse ist.

Anstatt sich zu beschweren sollte man mit Innovativen Projekten voran gehen – Behandlung/Unterstützung durch Apps, Telemedizin, elek. Gesundheitsakte, mehr Individualisierung, etc. – und damit bereits etabliert haben, wozu andere Kassen noch gezwungen werden müssen. Da darf man auch ruhig mal investieren und mit Qualität glänzen.

PS: Die 140 Filialen sind zwar schön für ältere Menschen, aber wer will schon in die Filiale und ewig Warten, wenn man das auch schnell Online oder per APP abhandeln könnte – nebenbei auch wesentlich umweltfreundlicher als das Auto zu bemühen. Bei der AOK geht natürlich schon einiges online, aber lange nicht so viel und in der Qualität, wie ich mir das wünschen würde.

Antworten

Hallo Prody,
beim Thema Digitalisierung geht vieles zu langsam, da stimme ich dir zu. Neben der Nutzbarkeit und dem Vorteil für Versicherte stellen wir jedoch mit jeder digitalen Anwendung auch ein Höchstmaß an Datenschutz sicher. Dafür werden Neuentwicklungen aber nicht so schnell möglich. Mit der Online-Filiale ermöglichen wir unseren Versicherten schon mehrere Jahre die Kommunikation mit uns und sie wird von 200.000 Menschen genutzt. Die Funktionen ersparen vielen den Weg in eine Filiale.
Die AOKs haben mit „Stadt. Land. Gesund.“ eine Kampagne gestartet, um über ihre laufenden Projekte zu informieren. Die AOK PLUS ist mit vier Projekten vertreten, darunter TeleDocPLUS (Telemedizin). Außerdem haben wir mit Kelaya ein Startup unterstützt, welches erfolgreich eine App für Geburtsvorbereitungskurse entwickelt hat. Wir investieren viel und probieren noch mehr aus, um die Versorgung digital zu gestalten.

Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Prochnow Antworten abbrechen

Schreiben Sie uns Ihre Meinung. Wir freuen uns auf interessante Gespräche und Diskussionen.
Wir behalten uns vor Kommentare zu löschen, die nicht unserer Netiquette entsprechen.

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.

Schließen Newsletter-Anmeldung