Eine Herzensangelegenheit

Neugeborenes an Schläuchen
Foto: Steffen Schäfer

Sacht hebt und senkt sich der winzige Brustkorb. Kanülen, Schläuche, Kabel und Pflaster (darunter eines in Herzform) belagern den zerbrechlich wirkenden Körper. Doch das Wichtigste: Benjamin lebt. Eine Woche und ein Tag ist er alt und hat die wohl größte Herausforderung seines Lebens schon hinter sich. Den ganzen Vormittag wurde er von einem Team aus Spezialisten der Kinderkardiologie am Uni-Klinikum Gießen operiert.

14.30 Uhr auf der Intensivstation: Wir Eltern stehen am Bettchen unseres Lieblings. Wir sehen uns an und können immer noch nicht begreifen, was gerade geschieht. Nach der unproblematischen Schwangerschaft und einer Bilderbuch-Geburt der Schock: Nur Stunden nach der Entbindung diagnostizieren Ärzte am Helios-Klinikum Erfurt einen angeborenen Herzfehler, genauer gesagt eine Transposition der großen Arterien (TGA). Benjamins Lungenschlagader und die Aorta sind an der jeweils falschen Herzkammer angeschlossen. Damit hätte der normalerweise in Reihe geschaltete Körperkreislauf keine Verbindung mit dem Lungenkreislauf. Ein Todesurteil, früher.

Präzisionsarbeit pur

In Deutschland kommen laut Wikipedia im Jahr durchschnittlich 6.000 Kinder mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt. Die Transposition der großen Arterien tritt bei 4,8 Prozent der Fälle auf. Mit der „Arteriellen Switch-Operation“ könne man Leben wie das des kleinen Benjamin retten, machen Ärzte in Erfurt Mut. Dann wird der kleine Patient nach Gießen, ins dortige Kinder-Herzzentrum verlegt.

Drei Tage später: Mit Lupenbrille und feinsten Instrumenten machen sich die Mediziner am nussgroßen Herzen des Jungen zu schaffen. Zunächst werden Aorta und Lungenschlagader oberhalb der Herzklappen abgetrennt und vertauscht wieder angenäht. Dann müssen auch die nur Millimeter dicken Herzkranzgefäße verpflanzt werden. Präzisionsarbeit.

Operationen am Kinderherzen, werden die Eltern später einmal lesen, sind neben der Neurochirurgie die schwierigsten Eingriffe, die Mediziner kennen. In den Stunden des Wartens schwanken sie zwischen Hoffen und Bangen. Und auch danach kann von Champagnerlaune keine Rede sein. Der Chirurg hat seine Arbeit getan. Der Kreislauf zur und von der kleinen „Pumpe“ entspricht jetzt dem anatomisch richtigen Verlauf, womit der kleine Kerl auch fast übern Berg ist. „Aber eben nur fast“, dämpfen die Ärzte übereilte Erwartungen. „Unser Sohn wird kämpfen. Er will leben, das merkt man“, sind wir Eltern uns sicher.

Unermessliches Leid

Und wie er kämpft. Nach nur wenigen Tagen kann er die Intensivstation verlassen. Eine Woche später dürfen ihn Mama und Papa bereits mit nach Hause nehmen. Andere Eltern haben nicht so viel Glück. Viele Herzkinder müssen mehrmals operiert werden oder sind nur durch eine Transplantation zu retten. Und wenn auch Ärzte nicht mehr helfen können, ist die Verzweiflung unermesslich. Ich schaue in Gießen immer wieder in Augen, aus denen so viele Tränen geflossen sind. Fahle Gesichter, leer oder tapfer lächelnd. Das sind Bilder, die einem noch lange nachhängen.

Zehn Jahre später erinnert nicht mehr viel an die dramatischen Tage im Mai 2005. Da ist natürlich die Narbe auf Benjamins Brust. Ein etwa 15 Zentimeter langer Strich, Sinnbild für den seidenen Faden, an dem sein Leben einst hing. Und ja, der Organspendeausweis in meiner Brieftasche. Fünf Gramm wiegt das Plastikkärtchen. Eine „Last“, die ich gerne mit mir herumtrage.


Nachtrag:
Für die meisten Menschen ist es schwierig, sich für oder gegen eine Organspende am Ende des Lebens zu entscheiden. Deshalb hat die AOK eine Entscheidungshilfe entwickelt, die beim Abwägen der Argumente unterstützen kann.

Ich hab auch einen Organspendeausweis seit ich 18 bin. Es weiß auch jeder in meinem Umfeld, dass ich Organspender bin. Wenn ich immer höre, wie viele Menschen auf Organe warten, bestärkt mich das jedes Mal in meinem Entschluss. Danke für die hier geschilderte Sichtweise.

MfG
T. Erkner

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