Erfahrungsbericht: Auszubildende packt als Pflegerin mit an

„Tun ist die beste Weise des Redens“ – so ging ich an mein Praktikum im Katharinenhof in Groß­hen­ners­­dorf heran. Wie alle Azubis der AOK PLUS hatte ich den Auftrag, im zweiten Lehrjahr in einer sozialen Einrichtung mitzuarbeiten. Ich hatte sofort gewusst, wo ich hin wollte: an den Ort, der mir seit Kindertagen bekannt ist. Meine Mama arbeitet seit 30 Jahren im Katharinenhof, die Bewohner kenne ich von Besuchen.

Mit Berührungsängsten hatte ich also kein Problem. Ich freute mich auf die Abwechslung zu meiner „kopf­las­tigen“ Arbeit. Wie würde ich auf so schwere körperliche Arbeit reagieren? Würde ich eine Hilfe sein oder eher den durchstrukturierten Alltag der Bewohner und der Mitarbeiter durch­ein­ander bringen?

Pflege für körperlich und geistig schwerst mehrfach behinderte Menschen

Viele haben beim Wort „Behinderte“ Menschen mit leichten Einschränkungen vor Augen – „den fitten Werkstattgänger“. Der Bereich, für den ich mich entschieden hatte, sieht anders aus. Auf meinem Wohn­bereich mit zwei Gruppen kann nur eine Person laufen. In meiner Gruppe arbeitete ich mit sieben körperlich und geistig schwerst mehrfach Behinderten. Alle haben einen individuell angepassten Rollstuhl, da normales selbstständiges Sitzen selten möglich ist. Zwei der Bewohner werden durch eine Sonde ernährt.

Der Katharinenhof bietet Menschen mit Behinderungen ein Zuhause.

Normale Gespräche sind nicht möglich

Auch die Kommunikation läuft anders. Der Genuss des Redens, des sich mitteilens und sich auszutauschens, ist diesen Menschen verwehrt geblieben. Kommu­nikation bedeutet, Mimik und Gestik, Laute und Geräusche, die seltsam für Fremde scheinen, versuchen zu interpretieren.

Oft erinnert der Umgang mit den zwischen 35 bis 50 Jahre alten Menschen an Kleinkinder. Ich versuchte sie zum Lachen zu bringen, spielte mit ihnen und ihren Kuscheltieren, streichelte sie. Vor allem aber versorgte ich sie.

Über Jahre hinweg haben die Heilerziehungspfleger  die Bewohner beobachtet, wodurch sie Befindlichkeiten sehr gut ablesen können. Oft ist es nur ein Klatschen, ein Schnalzen mit der Zunge, ein Stöhnen oder Zähneknirschen. Was aber besonders heraussticht, ist das Lächeln dieser herzerwärmenden Menschen! Mit kleinen Dingen kann man sie zum Strahlen bringen, manche weinen sogar vor Rührung. Gibt es eine schönere Belohnung?

Leben in vollkommener Abhängigkeit

Ich denke, die Bewohner spüren ganz genau, mit welcher Haltung man ihnen gegenüber tritt. Man muss sich auf sie und ihre Individualität einlassen. Ich kann sehr gut verstehen, wenn das schwer fällt. Es ist ein komplett anderes Leben, das diese Menschen führen. Sie leben in vollkommener Abhängigkeit. Was sie selber registrieren, wahrnehmen und verstehen können, bleibt ein Geheimnis.

Als Heilerziehungspfleger muss man mit Herz, Leib und Seele bei der Arbeit sein, sonst geht es nicht.

von Julia Adler, Auszubildende

Nur eins kann ich mit Gewissheit sagen: sie haben mehr drauf als man denken könnte. Auch sie versuchten zu tricksen, gerade beim Essen. Überrascht wurde ich immer wieder und musste häufig schmunzeln.

Die Tage sind durchorganisiert

Mein erster Weg im Frühdienst war stets das Wecken. Ich klopfte an die Tür bei den beiden Damen, um die ich mich kümmerte. Schließlich haben sie auch Privatsphäre verdient und sollen sich darauf einstellen dürfen, dass jemand ins Zimmer kommt. Ich habe mir Mühe gegeben, Ruhe auszustrahlen, nicht einfach das Bettgitter herunterzumachen und loszulegen. Wer möchte schon so geweckt werden? Jeder freut sich über ein freundliches „Guten Morgen“.

Danach begann ich mit der Morgenroutine: Inkontinenzmaterial wechseln, frische Kleidung anziehen, die Damen in den Rollstuhl liften (Eine super Erfindung, diese Lifter, mein Rücken dankt!), Zähne putzen, eincremen, Haare kämmen. Dann ging es zum Frühstück. Meine Mama und ich sangen ein Lied, und ich reichte immer demselben Bewohner das Essen. Ich erzählte ihm stets genau was es gibt.

Azubi Julia Adler

Julia Adler beim Praktikum

Nach dem Frühstück hatten einige der Bewohner Therapien: Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie oder Tagesbetreuung. Die anderen kamen an die frische Luft auf den Balkon. Bei der oft knappen Besetzung der Pfleger kommt man nur sehr selten zu einem Spaziergang.

Ausflüge lockern den Alltag auf

Durchbrochen wurde unser Wochenplan von einem Frühlingsfreudenfest: Die Bewohner konnten Dinge des Frühlings ertasten, riechen und schmecken. Mit dem Rollstuhlbus machten wir sogar einen Ausflug in ein Museum. Diese Erlebnisse sind etwas Besonderes.

Trotzdem spürte ich manchmal Mitleid, das möchte ich ehrlich sagen. Der Alltag der Bewohner wirkt für gesunde Menschen monoton, auch wenn sich die Pflegekräfte die allergrößte Mühe geben, den Bewohnern etwas anzubieten, damit sie neue Erfahrungen machen können.

Wertvolle Erfahrungen für die Kundenberatung

Ich spreche allen Pflegern meinen größten Respekt aus, die sich ganz bewusst für diese Arbeit entschieden haben und dieser Entscheidung über Jahre hinweg treu geblieben sind. Ihr macht eine super Arbeit! Es den Bewohnern am angenehmsten zu machen, das ist es, worum es bei der Arbeit geht. Ein Glück, dass in Deutschland so vieles möglich ist.

Eine große Rolle für die Pflegebedürftigen spielt die Krankenkasse. In unsere Entscheidungen sollte Fachwissen gepaart mit Interesse, Verständnis und Feingefühl einfließen. Als Mitarbeiterin der AOK PLUS werde ich immer einer der ersten Ansprechpartner sein und weiß die betroffenen Bewohner, Betreuer, Pfleger und Familienangehörigen bei uns in besten Händen.

Hallo Julia! Ich werde mich wahrscheinlich auch bei der AOK bewerben und suche gerade Infos. Danke für deinen schönen Bericht! Klingt nach einer spannenden Ausbildung. LG Judith

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Ich finde es es toll, dass sich so junge Menschen für ein so anspruchsvolles Praktikum entscheiden. Der Blick auf die Dinge erweitert sich und neben wichtiger Schreitischarbeit ist die praktische Erfahrung im sozialen Bereich persönlich und beruflich gewinnbringend. Es führt zu einem deutlich besserem Verständnis für unsere Kunden, egal ob Bewohner der Einrichtung oder Mitarbeiter der Einrichtung. Weiter so!

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Ein sehr schöner Bericht über die tägliche Arbeit mit Schwerstbehinderten. Sicherlich für den ein oder anderen durch Unsicherheit im Umgang damit ein Tabuthema. Jedoch spätestens im Alter oder mit dem Altern der eigenen Eltern spürt man, wie anspruchsvoll in puncto Geist und Körper diese Arbeit sein muss. Der Bericht von Dir Julia bringt uns die Menschen ein bisschen näher und ringt uns den Respekt gegenüber den engagierten Pflegern ab, die Tag für Tag für ihre Bewohner da sind. Danke für die Widergabe Deiner Eindrücke und Erlebnisse.

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Da ich einen schwerstbehinderten Bruder habe, kann ich mir vorstellen, was Du geleistet hast, Julia: Windeln wechseln, Füttern und Streicheln ist bei einem niedlichen Baby sicher schön, Bei einem 50jährigen garantiert nicht so sehr. Dass Du für Dein Pflichtpraktikum diesen Einsatzort gewählt hast, nötigt Respekt ab. Richtig gut finde ich auch, dass eine Krankenkasse Ihre Azubis verpflichtet, so einen Perspektivwechsel zu machen.

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Liebe Frau Adler, Ihren Bericht zu lesen hat mich wirklich sehr berührt. Vielen Dank, dass Sie sich einer der schwersten Aufgaben gestellt haben, toll und Respekt!! Ich wünsche mir, dass Ihre Erlebnisse Inspiration für viele Andere sein werden, auch mal die Perspektive zu wechseln und es Ihnen gleich zu tun. Das tut diesen Menschen gut, aber auch denen die diese Hilfe leisten. Ich vermute, Sie werden diese Tage auch nicht so schnell vergessen. Super!

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Was für ein schöner Bericht – Das erinnert mich direkt an mein eigenes Praktikum. Ich habe die Perspektive beim ´“Familienunterstützenden Dienst“ gewechselt und auch die Aufgaben eines Heilerziehungspflegers übernommen. Die abwechslungsreichen Tätigkeit hat mir wahnsinnig viel Freude bereitet – Die Pflege der Bewohner, Gespräche, Förderung, Begleitung bei Therapien, Ausflüge, gemeinsame Spiele- und Kochabende waren nur einige meiner vielen Aufgaben in die ich Einblick erhalten durfte. Jederzeit würde ich diese Erfahrung wiederholen wollen, da Sie mir auch für meinen eigenen Alltag neue Perspektiven aufgezeigt hat.
Ich kann nur hoffen, dass es auch zukünftigen Azubis ermöglicht wird weiterhin diese Erfahrung machen zu dürfen. Denn auch für die Arbeit außerhalb der Pflege- und Sozialeinrichtungen sind Menschlichkeit und Empathie eines unserer Wichtigsten Werkzeuge.

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Hallo Josi! Danke, dass Sie Ihre Erfahrung hier teilen. Ich hoffe mit Ihnen, dass noch zahlreiche Azubis vom einem ähnlichen Perspektivwechsel profitieren werden.

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