Es muss nicht immer der Therapeut sein

Viele Ideen mussten wegen Corona auf Eis gelegt werden. Aber jetzt starten die Leipziger durch und wollen mit kreativen Ideen das Thema Depression verstärkt in die Öffentlichkeit rücken und zugleich dessen Image verbessern. Bis 2022 sind mehrere Projekte geplant.

Dr. Daniel Zeidler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, engagiert sich als Vorstandsmitglied im Leipziger Bündnis gegen Depression e.V.. Er möchte dazu beitragen, die Situation Betroffener und ihrer Angehörigen zu verbessern.

Wie wichtig ist aus Ihrer Facharztsicht die Arbeit von Selbsthilfegruppen?

[caption id="attachment_6669" align="alignright" width="150"] Dr. Daniel Zeidler[/caption] Die Selbsthilfegruppe kann ein wichtiger Baustein für die Bewältigung einer Erkrankung sein. Wenn Menschen unter Belastungen stehen, kann es sehr hilfreich sein, einfach darüber zu reden. Und das muss nicht unbedingt immer mit einem Therapeuten sein. Oftmals hilft es schon, sich mit anderen Menschen darüber zu unterhalten und auszutauschen. Natürlich ist es da sinnvoll, wenn die Selbsthilfegruppe von einem Gruppenmitglied geleitet wird, das über Grunderfahrungen in der Moderation verfügt. Denn ein Risiko ist es, dass einzelne Mitglieder sehr viel mehr Raum mit ihren Problemen einnehmen als andere, die zu Beginn Zeit brauchen, um Vertrauen zu fassen und dann schnell wieder aussteigen, da sie z.B. die Gruppe als reine „Jammergruppe“ erleben. Schade ist es dann, wenn dies der einzige Anlauf war. Ich werbe sehr dafür, sich mehrere Selbsthilfegruppen anzuschauen und sich für die zu entscheiden, die am besten zu einem passt. Das ist ähnlich wie die Therapeutenwahl. Da sollte die Chemie stimmen und mit dem, was dem Klienten angeboten wird, sollte die- oder derjenige etwas anfangen können.

Könnten Sie an Beispielen belegen, wie Selbsthilfearbeit wirkt?

Ich habe unter meinen Klienten viele Menschen, die von Selbsthilfearbeit profitiert haben. Wenn erst einmal das Eis gebrochen ist und die Teilnehmer einander vertrauen, ist es eine große Chance, voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu helfen und sogar gemeinsam weiterzuentwickeln. So ist es nicht nur ein menschliches Bedürfnis, dass mir jemand hilft und sich jemand um mich kümmert, sondern es kann auch eine Wohltat sein, jemandem zu helfen und dadurch Dankbarkeit zu erfahren. Daher funktionieren die Selbsthilfegruppen auf lange Sicht am besten, bei denen dieses Verhältnis von Geben und Nehmen möglichst ausgewogen ist. Für einige Klienten ist es in der Selbsthilfegruppe das erste Mal überhaupt möglich, über ihr „Problem“ zu sprechen. Das können zum Beispiel Ängste sein, für die sie sich schämen. So denke ich an einen Klienten, der, bevor er zu mir kam, es erstmals als riesige Entlastung erlebt hat, dass er in einer Selbsthilfegruppe seine Versagensängste bezüglich seines Jobs offenbart hat. Vor seiner Frau hatte er das nie getan, da er immer stark sein wollte. Ein anderer Klient hatte seit vielen Jahren sein Suchtverhalten geheim gehalten und hatte durch die Arbeit in der Selbsthilfegruppe nach einem halben Jahr den Mut, seinen Angehörigen gegenüber dazu zu stehen und sich in therapeutische Behandlung zu begeben. Eine Klientin mit einer chronischen depressiven Erkrankung lernte über eine Selbsthilfegruppe jemanden kennen, der ihr Inspiration für einen beruflichen Neustart lieferte. Vielleicht wäre sie auch allein darauf gekommen. Vielleicht aber auch nicht, oder wesentlich später. Letztendlich geht es oft darum, eigene Kompetenzen in der Kommunikation, (Selbst-)Fürsorge und manchmal auch der Kreativität zu stärken.

2020 wurde das Projekt „Neue Zugangswege in die Selbsthilfe“ gestartet. Welche Erwartungen haben Sie daran?

Das oberste Ziel unseres Vereins ist es, den Entstigmatisierungsprozess der Depression weiterzuführen. Aufklären, informieren und Impulse geben zur Selbstaktivierung sind aus unserer Sicht wesentliche Bereiche, die wir mit dem Projekt „Neue Zugangswege in die Selbsthilfe“ weiterentwickeln wollen. Dabei ist es sehr wichtig, dass die Angebote niederschwellig und für alle Interessierten leicht zugänglich sind. Wir bauen auf den positiven Erfahrungen der letzten Jahre auf und erweitern die Möglichkeiten, die Menschen mit einer depressiven Erkrankung und deren Angehörige und Freunde haben. Häufig stehen Menschen, die erstmals mit einer Depression konfrontiert sind, hilf- und ratlos da. Es kann dann eine große Hilfe sein, zu erfahren, wie ich mir selbst oder meinen Angehörigen oder Freunden helfen bzw. weitere Hilfe suchen kann. Hierfür soll die „Digitale Karte“ ein wertvolles Werkzeug werden, um individuell und zielgenau einen Überblick über meine Möglichkeiten zu bekommen. Ein solches Werkzeug gibt es bisher nicht. Bislang müssen Hilfesuchende oft lange im Internet recherchieren und es ist meist unmöglich, die qualitativen Unterschiede der vielen Angebote und Verlinkungen auf einen Blick zu erfassen. Diese Lücke wollen wir mit der „Digitalen Karte“ gern schließen. Darüber hinaus entstehen weitere Projekte, mit denen die Möglichkeiten der Selbsthilfe über die klassische Selbsthilfegruppe hinaus erweitert werden. Und auch die Fortführung unserer Aufklärungsarbeit ist natürlich ein weiterer zentraler Baustein des Großprojektes „Neue Zugangswege in die Selbsthilfe“. Es ist schon viel erreicht und auch noch viel zu tun und zu gestalten!

Wie sind Sie als Arzt und Psychiater inhaltlich in die Arbeit des Vereins eingebunden?

In unserem Verein darf jeder einzelne Ehrenamtliche selbst entscheiden, was und wieviel er tun will. Dabei ist es wichtig, die eigenen Fähigkeiten und Stärken genauso einzusetzen, dass es nicht nur den Zielen des Vereins dient, sondern im besten Fall auch Vergnügen bereitet. Das gilt für die Ehrenamtlichen, die zum Beispiel vor Ort eine Aktion oder Veranstaltung unterstützen ebenso wie für die ehrenamtliche Vorstandsarbeit. Inhaltlich kann es immer wieder einmal vorkommen, dass ich mein Wissen und die Erfahrung als Arzt den Vorstandskollegen oder Hauptamtlichen zur Verfügung stelle, um zu Klarheit über bestimmte medizinische oder therapeutische Zusammenhänge beizutragen. Jedoch stehe ich weder Ehrenamtlichen und hauptamtlichen Kollegen, noch Interessierten, die sich an unseren Verein wenden, als Therapeut und Psychiater zur Verfügung. Das ist eine sehr wichtige Grenze, die deutlich gezogen bleibt, um Ehrenamt und Profession zu trennen. Es gehört auch nicht zu unseren Vereinsaufgaben, Therapie anzubieten. Wir klären auf und unterstützen auf dem individuellen Weg, einen Zugang zu individueller Hilfe zu finden. Gern werbe ich an dieser Stelle, sich auch jederzeit an uns zu wenden, wenn man sich vorstellen kann, ehrenamtlich etwas zu tun. Wir beraten dann gern in einem vertraulichen Gespräch über die Möglichkeiten und freuen uns über jede Unterstützung. Also: Trauen Sie sich!  

AOK PLUS engagiert für Selbsthilfe

Die AOK PLUS fördert das Leipziger Bündnis gegen Depression bereits seit 2017 und ermöglicht nun auch das neue multidimensionale Projekt „Neue Wege in die Selbsthilfe“. Viele andere Selbsthilfegruppen profitieren ebenfalls vom Engagement der AOK PLUS. So unterstützte die Gesundheitskasse im vergangenen Jahr die gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Sachsen und Thüringen mit rund 4,3 Millionen Euro. Im Rahmen der kassenindividuellen Projektförderung unterstützte die AOK PLUS 540 Projekte von Selbsthilfekontaktstellen, Landesorganisationen der Selbsthilfe sowie regionale Selbsthilfegruppen. Der jährliche Transparenzbericht listet die geförderten Projekte auf.   Das Projekt „Neue Zugangswege in die Selbsthilfe“ besteht aus fünf Teilprojekten:
Theaterladen Selbst & Los
Mitglieder aus verschiedenen Selbsthilfegruppen können sich in zwei Schauspielwerkstätten, einer Werkstatt „Hinter der Bühne“ und einer Tanzwerkstatt künstlerisch und kreativ betätigen.
Austausch bewegt – die aktive Selbsthilfegruppe
Hier treffen sich Laufbegeisterte aller zwei Wochen und absolvieren einen fünf bis sieben Kilometer langen Rundkurs. Im Herbst startete noch ein Yogakurs und ein Qi-Gong-Angebot für Betroffene und Angehörige.
IMAGE – sehen und gesehen werden
Ein Anlaufpunkt für Kreative, die sich in Malerei, Gesang, Upcycling, Textilgestaltung oder kreativem Schreiben ausprobieren möchten. Ihre Arbeiten werden auch ausgestellt und online präsentiert und beispielsweise für die herbstliche Plakatkampagne in Leipzig verwendet.
Gruppe für Selbsthilfe-Interessierte mit Depressionen
Wer eine Selbsthilfegruppe gründen möchte, findet hier Hilfe. Zusätzlich ist eine wöchentliche offene Gruppe vorgesehen, in der die Selbstkompetenz bezüglich der Krankheit gestärkt werden soll. Fachleute und Referent*innen unterstützen und vermitteln dieses Angebot.
Digitale Karte für Hilfesuchende
Bis Ende 2022 wird eine digitale Karte erstellt, die es ermöglicht, Hilfs- und Therapieangebote schnell, passgenau und wohnortnah zu finden. Angebote der Regelversorgung der Psychotherapie, Beratungs- und Hilfsmöglichkeiten sowie Selbsthilfeangebote in der Stadt Leipzig werden gebündelt und stetig aktualisiert.  

Jutta Beć

Jutta Beć