Rudi Radieschen kommt in die Schule

Ist das Dill? Die gefiederten Blätter sehen sehr danach aus. Die Drittklässler der Grundschule „Christian Zimmer­mann“ beugen sich über die Paletten mit Dutzenden Jungpflanzen, während Ackerhelferin Katharina das Arbeitsmaterial für die kommenden Stunden vorstellt: Salate, Mangold, Kohlrabi und - nicht Dill, sondern Fenchel. Daneben lehnen Papiertütchen mit Samen für Chinakohl, Pastinaken und eine Radieschen­sorte mit dem schönen Namen „Rudi“.

Vom Sportplatz zum Acker

Knapp 45 Kinder wuseln bei sommerlichen Temperaturen zwischen Beeten, Geräteschuppen und Wassertonne herum und begrünen, angeleitet von Katharina und drei weiteren Mitarbeitern des Vereins Ackerdemia e.V., ihren Schulgarten. Sie graben Löcher für die Pflanzen („Immer eine Schaufellänge Abstand!“), ziehen Furchen für das Saatgut („Lass mir auch noch was übrig!“) und gießen wie die Weltmeister. Dass bei so viel Eifer ein paar Kohlrabi mit ins Mangoldbeet gepflanzt werden, nimmt ihnen niemand krumm. „Als wir vor zwei Jahren mit der Schule in das Gebäude eingezogen sind, gab es keinen Garten“, erzählt Schulleiterin Heike Kirchner. Aber der alte Sportplatz war groß genug - er wurde nach und nach mit Unterstützung der Eltern in einen Garten umgewandelt, mit akkurat eingefassten Beeten, einigen Beerensträuchern und einem Komposthaufen.

Praxisnaher Unterricht

Was noch fehlte, waren Pflanzen. Als das Angebot der AOK PLUS kam, an dem Projekt „GemüseAckerdemie“ teilzunehmen, fackelte die Schulleiterin deshalb nicht lange. Erstens ist Schulgarten in Thüringer Grundschulen ein eigenes Schulfach, und zweitens kennt auch sie die Gespräche mit Schülern, die glauben, Obst und Gemüse wüchsen im Supermarkt. Denn immer weniger Kinder wissen, wo Lebensmittel tatsächlich herkommen oder haben schon einmal selbst welche angebaut. Das fehlende Wissen schlägt sich in einer ungesunden Ernährung nieder. Auch deshalb leiden immer mehr Kinder an Übergewicht und Diabetes Typ 2. Hinzu kommt, dass in Deutschland über 30 Prozent aller Lebensmittel im Müll landen.

Der Schulgarten wird modern

Hier setzt das Präventionsprojekt der AOK PLUS und des Vereins Ackerdemia e.V. an. Es sieht vor, dass die Schüler Ackerflächen bearbeiten und unter fachlicher und pädagogischer Anleitung während eines „AckerJahres“ eigenständig verschiedene Gemüsearten anbauen und pflegen. So soll das Verständnis für eine gesunde Ernährung und ein wertschätzender Umgang mit Lebensmitteln gefördert werden. In diesem Jahr machen insgesamt sechs Grundschulen in Apolda, Erfurt, Niederzimmern, Kahla, Radeberg und Dresden mit. Im nächsten Jahr kommen weitere dazu. Das bewährte Konzept des Schulgartens wird ins 21. Jahrhundert gebracht: Die Schulen werden mit allem Notwendigen, darunter Saat- und Pflanzgut, Fachinformationen, Fortbildungen und begleitendem Unterrichtsmaterial, ausgestattet. Nach drei Jahren aktiver Betreuung durch die AOK PLUS und den Ackerdemia e.V. führen sie das Projekt eigenständig weiter. [caption id="attachment_4198" align="alignleft" width="300"] Radi-e-s-c-h-e-n[/caption]

Einmalseins der Marktwirtschaft

Die Ernte können Eltern, Lehrer und Erzieher kaufen. Die Einnahmen kommen den Schulen zugute. Durch diese Vermarktung erhalten die Kinder zugleich erste Einblicke in marktwirtschaftliche Prozesse. Die Apoldaer Schüler werden nach den Sommerferien als Viertklässler das Ernten übernehmen. Bis dahin müssen sie mit den Erwachsenen nur noch einen Gießplan für die sechs unterrichtsfreien Wochen austüfteln, damit das Gemüse überlebt.

Mehrfach ausgezeichnetes Projekt

Das Bildungsprogramm „GemüseAckerdemie“ wurde erstmals im Jahr 2014 erprobt. Inzwischen setzt es der Verein an rund 240 Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein - mit der AOK PLUS jetzt auch verstärkt in Sachsen und Thüringen. Das Programm erhielt u.a. den fit4future Award und wurde als „Lernort des UNESCO-Weltaktionsprogramms ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘“ geehrt, ebenso von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“. Nähere Infos gibt es unter gemueseackerdemie.de.

Katja Zeidler

Katja Zeidler