Testen, verfolgen, überwachen: MDK-Ärzte unterstützen Gesundheitsämter.

Zelt mit Rotem Kreuz

In Deutschland nehmen mehr als 400 Gesundheitsämter regional und lokal die Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes wahr. In Sachsen gibt es in den Landkreisen und kreisfreien Städten insgesamt 13 Gesundheitsämter, in Thüringen 22. Schon unter normalen Bedingungen verantworten diese ein breites Spektrum an Themen von der AIDS-Beratung über die Hygieneüberwachung der unterschiedlichsten Einrichtungen und Institutionen, bis zum Sozialpsychiatrischen Dienst oder der Amtsärztlichen Überprüfung vor Zulassung zum Heilpraktikerberuf. Eine der bis vor Kurzem in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Aufgaben der Gesundheitsämter war schon immer die Umsetzung des Infektionsschutzgesetzes. Und das heißt seit dem Auftreten des Coronavirus und seiner Verbreitung in Deutschland auch: die Prüfung der Bürger auf das Virus SARS-CoV-2.

Verstärkung war nötig

Schnell war klar, dass diese Mammutaufgabe die Ämter personell überfordern würde. Deshalb wurde in der Covid-19-Telefonkonferenz des Chefs des Bundeskanzleramtes mit den Chefinnen und Chefs der Staats- und Senatskanzleien vom 25. März 2020 festgestellt, dass eine personelle Verstärkung dringend notwendig sei „insbesondere für die analoge oder auch digitale Kontaktnachverfolgung bei bestätigten Covid-19- Patienten und bei der Überwachung getroffener Anordnungen, etwa im Falle der Quarantäne“. Die Länder sollten darauf hinwirken, „dass Verstärkung aus anderen Bereichen der öffentlichen Verwaltung vorgenommen wird, die aktuell über freie Personalressourcen verfügen sowie durch den Einsatz freiwilliger Bewerber“.

Katharina Jahn testet Patienten mit Verdacht auf Covid-19 im Test-Container in Pirna.

Katharina Jahn ist eine solche Verstärkung für das Gesundheitsamt Sächsische Schweiz/Osterzgebirge. Die gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin, die sonst beim MDK Sachsen für Qualitätsprüfungen in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen zuständig ist, macht seit Anfang April Tests auf Infektion mit dem Coronavirus bei Menschen in Pflegeheimen, im Hausbesuch oder am Test-Container, der neben dem Landratsamt in Pirna aufgebaut wurde. Dorthin werden die Leute telefonisch eingeladen, die möglicherweise Kontakt mit einem Infizierten hatten, also zu einer Infektionskette gehören.

Katharina Jahn nimmt dann bei ihnen einen Rachenabstrich vor, schafft circa 50 pro Stunde. Für Hausbesuche ist sie gemeinsam mit ihrem Kollegen, der sonst ebenfalls beim MDK Sachsen arbeitet, schon bis zu 150 Kilometer für sieben Hausbesuche an einem Tag unterwegs. Im Schutzanzug. „Da schwitzt man wie verrückt. Aber ich bin froh, dass ich das machen kann. Es ist doch eine sehr sinnvolle Arbeit,“ erklärt die 37-Jährige. So wie sie sind insgesamt elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MDK Sachsen zunächst befristet bis Ende Mai in den Gesundheitsämtern von Bautzen, Leipzig, Zwickau und im Landkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge tätig.

Pragmatismus der Kassen als Geldgeber

Den Weg freigemacht für diesen Einsatz hat der Verwaltungsrat des MDK Sachsen.

Damit haben wir uns gar nicht schwergetan. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen wird ja von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Insofern hätte ich jetzt als Vertreter für die AOK PLUS im MDK-Verwaltungsrat sagen können, dieser befristete Einsatz für eine staatliche Aufgabe muss vom Staat bezahlt werden. Aber was soll das. Diese Krise ist nur in einer großen Gemeinschaftsanstrengung zu bewältigen. Die Selbstverwaltung der Kassen ist dabei.

von Dieter Pfortner, Arbeitgebervertreter im Verwaltungsrat der AOK PLUS und Mitglied im Verwaltungsrat des MDK Sachsen

Der Einsatz von 17 zeitweiligen Helfern in Thüringer Gesundheitsämtern kam etwas anders zustande. Die Prophylaxefachkräfte der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege Thüringen, die normalerweise in Kindertageseinrichtungen Gruppenprophylaxe zur Mundgesundheit durchführen, wurden – einem Beschluss der LAGJTh e.V. folgend – auf dem Weg der Amtshilfe dem Gesundheitsdienst zur Verfügung gestellt. Dort unterstützen sie seit Anfang April die Telefonie. Sie verfolgen unter anderem Infektionsketten nach oder rufen Menschen an, die in Quarantäne sind. „Viele Menschen sind gerade sehr davon abhängig, dass sie in so einer Ausnahmesituation telefonisch betreut werden, weil sie sonst niemanden haben. Das ist schon hin und wieder wie Telefonseelsorge,“ sagt Heike Eicher, die Geschäftsführerin der LAG Jugendzahnpflege Thüringen e.V.

Aber auch für die 17 Unterstützer ist die Situation ein Gewinn: „Hätten die gesetzlichen Krankenkassen in Thüringen, die einzeln oder über ihre Verbände Mitglieder der AG sind, als Geldgeber dem nicht zugestimmt, wären unsere Mitarbeiter vermutlich in Kurzarbeit gegangen. Und die Gesundheitsämter hätten diese Hilfe nicht bekommen,“ meint Eicher und beschreibt damit eine Win-Win-Win-Situation in dieser immer noch akuten Krisensituation.

Zum Dauerzustand soll und darf diese Personalverschiebung und die damit verbundene Subventionierung staatlicher Aufgaben durch die gesetzlichen Krankenkassen allerdings nicht werden. Dass die Gesundheitsämter deutschlandweit besser ausgestattet werden sollten, war schon vor der Coronavirus-Pandemie deutlich geworden. In seinem zweiten „Corona-Pandemie-Paket“ vom 29.04.2020 hat sich das Bundeskabinett  auch ausdrücklich dazu bekannt, mehr Mittel für den öffentlichen Gesundheitsdienst bereitzustellen. Hoffentlich nachhaltig.

Die Pandemie-Situation hat uns alle vor große Herausforderungen gestellt. Der Medizinische Dienst in Sachsen hat schnell und unkompliziert die Arbeit der Gesundheitsämter unterstützt. Das haben wir natürlich auch sehr gern getan. Eins wird dabei allerdings deutlich: Die Gesundheitsämter sind in der Vergangenheit offenbar etwas stiefmütterlich behandelt worden. Ihre Ausstattung mit Ressourcen ist offensichtlich nicht auf eine solche Situation ausgerichtet gewesen. Hier gibt es doch deutlichen Nachbesserungsbedarf in Vorbereitung auf die Zukunft und ggfls. wieder auftretende Pandemie-Situationen. Damit könnte dann in Zukunft auch eine sachgerechte Finanzierung sichergestellt werden.

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