Mit der Psycho-Pille ruhiggestellt

In Deutschland wird ein hoher Anteil der Bewohner von Pflegeheimen mit zu vielen und für ihr Krankheitsbild nicht zugelassenen Psychopharmaka ruhig gestellt. Gründe: vernachlässigte Alternativen, fehlendes Problembewusstsein – und Zeitmangel!

Besonders betroffen sind Demenzkranke, meist handelt es sich um Frauen. Immerhin waren im Jahr 2015 48 Prozent der deutschlandweit 593.680 AOK-versicherten Senioren mit einer eingeschränkten Alltagskompetenz (u.a. Demenz) in einer vollstationären Pflegeeinrichtung untergebracht. Gut die Hälfte (51%) dieser Senioren (146.000) erhielt Antipsychotika.

Einsatz verstößt gegen Leitlinien

Mit Hilfe der Pillen wird den Bewohnern jeglicher Antrieb genommen. Die Betroffenen sitzen dann oft apathisch in ihren Rollstühlen oder liegen im Bett. Besonders problematisch: Für die Behandlung von Demenzkranken sind diese Medikamente gar nicht zugelassen. Nicht wenige Präparate sind ausschließlich für psychiatrische Leiden wie Schizophrenie oder Psychosen entwickelt worden.

Der breite und dauerhafte Neuroleptika-Einsatz bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz verstößt gegen die Leitlinien.

von kritisiert Professorin Petra Thürmann bei der Präsentation der Untersuchungsergebnisse

Verschreibungsquote regional verschieden

Es gibt aber auch gravierende regionale Unterschiede, wie Zahlen aus Sachsen und Thüringen zeigen. In beiden Ländern liegen die Werte mit 48 Prozent leicht unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. So erhalten „nur“ 42 Prozent der AOK-versicherten Senioren in Dresdner Pflegeheimen Antipsychotika. Im Erzgebirgskreis sind es dagegen 56 Prozent. Ein ähnliches Bild in Thüringen. Spitzenreiter ist hier das Eichsfeld mit 58 Prozent, dicht gefolgt vom Kyffhäuserkreis mit 57 Prozent. Dagegen ist mit 41 Prozent die Verschreibungsquote eines Antipsychotikums im Ilm-Kreis und im Altenburger Land sehr niedrig.

Eine Umfrage unter Pflegekräften hat alarmierende Ergebnisse aufgedeckt.

Mehr Pillen durch hohen Zeitdruck

Besonders alarmierend: Die Pflegekräfte bestätigen das hohe Ausmaß an Psychopharmaka-Verordnungen in Pflegeheimen. 82 Prozent der Pflegekräfte halten die Medikation der Heimbewohner mit Psychopharmaka für angemessen oder sogar zu niedrig. Mehr als die Hälfte der Pflegekräfte gab in einer AOK-Umfrage jedoch an, dass sich nicht-medikamentösen Verfahren wegen des Zeitdrucks in der Pflege teilweise oder gar nicht umsetzen ließen.

Einsatz ethisch und moralisch nicht vertretbar

Der AOK-Bundesverband fordert deshalb einen bewussten und kritischeren Umgang mit Psychopharmaka. Sieht insbesondere die behandelnden Ärzte, aber auch die Pflegeheimbetreiber in der Verantwortung.
Kritik kam auch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Ihr Vorsitzender Brysch sagte, früher seien Demenzkranke fixiert worden. Diesen Zweck erfüllten heute Psychopharmaka. Der Deutsche Pflegerat bezeichnete den Einsatz von Neuroleptika als ethisch und moralisch nicht vertretbar.

weiterführende Links:
Pflege-Report 2017: Pflegeheimbewohner erhalten zu viele Psychopharmaka

Wie eine Gesellschaft mit ihren Alten und Kranken umgeht, sagt viel über den Zustand einer Gesellschaft aus. Wenn man Ende seines Lebens mit Pillen ruhiggestellt wird, nur damit man nicht zu viel „Arbeit“ macht, kann man sich eigentlich nur wünschen nicht alt zu werden. Die Zustände in den Pflegeheimen sind keine neue Erkenntnis, die gibt es seit Jahren. Die Alten sind ein Geschäft, bei dem es viel Geld zu verdienen gibt. Leidtragende sind die Alten, welche nicht das Glück haben in ihrer Familie versorgt zu werden und das Pflegepersonal, welches unter Sparzwängen und Personalmangel nicht in der Lage ist eine menschenwürdige Pflege zu leisten. Nur fehlt diesen beiden Gruppen die entsprechende Lobby, da hat eine Bankenrettung schon Vorrang. Wenn die Patientenschützer nur rügen wird nichts passieren.

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Ich nehme an, dass solch ein Zeug verschreibungspflichtig ist. Wie kann es sein, dass die Demenzkranken sowas massenweise bekommen. Welcher Arzt gibt dazu seine Unterschrift?

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