„Rauchfrei durchatmen“: AOK PLUS bietet ab sofort innovatives Tabakentwöhnungsprogramm an

Der Wille, nicht mehr zu rauchen, reicht oft nicht. Die Tabakabhängigkeit ist eine Sucht und der Entzug für den Einzelnen schwierig. Jetzt gibt es für die Versicherten der AOK PLUS mit dem Programm „Rauchfrei durchatmen“ ein innovatives Angebot zur Tabakentwöhnung. Mit dem Berufsverband der Pneumologen in Sachsen und in Kooperation mit der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen hat die Gesundheitskasse einen entsprechenden Vertrag unterzeichnet.

Teilnehmen können rauchende Versicherte der AOK PLUS ab 18 Jahren, die länger als acht Wochen an chronischem Raucherhusten leiden oder an COPD erkrankt sind. Die Patienten erhalten eine evidenzbasierte und individuell abgestimmte Tabakentwöhnung inklusive Nachbetreuung im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung.

Die wesentlichen Inhalte des Programms wurden im Rahmen eines Modellprojektes bereits zwischen 2013 und 2018 in pneumologischen Facharztpraxen und bei Psychotherapeuten in Sachsen und Thüringen getestet. Über 800 rauchende Patienten mit einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) oder chronischem Raucherhusten nahmen an einer wissenschaftlichen Studie der TU Chemnitz zur strukturierten Tabakentwöhnung teil. Sie belegt, dass die Tabakentwöhnung am besten mit Verhaltenstherapie, Medikamenten und längerfristiger telefonischer Begleitung funktioniert.

Dr. Jakob Bickhardt

Mitentwickelt hat dieses Programm Dr. Jakob Bickhardt, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie sowie stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes der Pneumologen in Sachsen.

Dr. Bickhardt, wie wichtig ist dieser jetzt geschlossene Vertrag?

Sehr wichtig! Erstmals in Deutschland wird eine evidenzbasierte und leitliniengerechte Tabakentwöhnungsbehandlung umfänglich von einer Krankenkasse finanziert. Der Vertrag ist eine phantastische Konstruktion und bietet eine Win-Win-Win-Situation für die beteiligten Partner AOK PLUS, die TU Chemnitz und uns Fachärzte. Er bündelt präventive, gesundheitspolitische, wissenschaftliche und Versorgungsinteressen. Davon profitieren die Patienten. Der Vertrag bietet die große Chance, die wesentliche Ursache für Lungenerkrankungen, die Tabakabhängigkeit, an der Wurzel zu packen. Rauchen schadet ja aber nicht nur der Lunge, sondern so ziemlich jeder Stelle des Körpers. Ich denke hier an Herz-Kreislauferkrankungen, aber auch an Wundheilungsstörungen, Diabetes, Parodontose oder viele Tumorerkrankungen.

Wie viele Patienten haben Sie im Rahmen des Modellprojektes betreut?

In unserer Praxis waren es etwa 180. Der Ansatz, die Tabakentwöhnung in der Facharztpraxis zu absolvieren, ist perfekt. Denn COPD-Patienten sind eh bei uns Pneumologen in Behandlung. Deshalb besteht ein Vertrauensverhältnis zum Arzt. Wer bereits deutliche Belastungsluftnot hat, der ist meist hoch motiviert, gesünder zu leben und mit dem Rauchen aufzuhören. Meist haben wir auch schon vor dem Kurs mehrfach über das Thema Rauchen gesprochen. Betroffene trauen sich vielleicht auch eher, bei Schwierigkeiten oder Rückfällen ihren Arzt um Rat zu fragen.

Und wie viele sind zum Nichtraucher geworden?

Rund 40 Prozent. Das ist sehr erfreulich. Mal ein Vergleich dazu: Nur drei Prozent der Raucher schaffen es, spontan aufzuhören. Das sind die berühmten Silvestervorhaben. Sechs Prozent gelingt es in unserer Studie, nach einem motivierenden Gespräch und auf ärztlichen Rat hin sowie mit Hilfe von Flyern.

Können Sie bitte kurz den Ablauf des Programms skizzieren?

Es beinhaltet eine fachärztliche Diagnostik und eine umfassende Beratung vor Beginn der Tabakentwöhnungskurse. Es folgen drei Gruppenkurse in der Facharztpraxis über maximal zwei Monate. Der erste Kurs dient dazu, die Motivation zu stärken. Im zweiten geht es darum, die Lebensverhältnisse zu ändern und Nichtraucher zu werden. Hier findet der kollektive Rauchstopp statt. Alle gehen eine Runde gemeinsam auf den Hof und rauchen dort ihre letzte Zigarette. Das funktioniert wunderbar.

Wir freuen uns, dass wir unseren Versicherten das Programm ‚Rauchfrei durchatmen‘ anbieten können. Mit dem Rauchen aufzuhören, ist für Betroffene nicht einfach. Als Gesundheitskasse möchten wir sie dabei gern unterstützen.

von Rainer Striebel, Vorsitzender des Vorstandes der AOK PLUS

Der dritte Kurs hat das Ziel, die neue Lebensweise zu verstetigen, gegen Rückfälle anzukämpfen und Wege zu zeigen, falls es doch einen Rückfall geben sollte. Ebenso sprechen wir die Probleme des Nichtrauchens an, denn auch die gibt es. Ich denke hier vor allem an die Gewichtszunahme. Nach Kursende werden die Teilnehmer von ihrem Arzt bis zu zwölf Monate lang weiter betreut. In Telefonterminen kann er ihnen beratend und motivierend zur Seite stehen, um Rückfälle zu verhindern. Abgeschlossen wird die Nachbetreuung mit einem persönlichen Gespräch mit dem Arzt.

Nur im Rahmen des Modellprojektes durfte die AOK PLUS die Kosten für Tabak­ent­wöhnungs­medi­kamente übernehmen. Laut Gesetz gelten diese als Lifestyle-Mittel. Wie stehen Sie dazu?

Die Studie der TU Chemnitz hat bewiesen, dass Medikamente bei der Tabakentwöhnung sehr hilfreich sind. Nicht jeder Patient kann die rund 300 Euro dafür aufbringen. Insofern ist es bedauerlich, dass der Gesetzgeber noch immer an diesem unsäglichen Paragrafen festhält.

Welche Chancen sehen Sie, eine Änderung des Paragraphen 34 SGB zu erreichen?

Hier fehlt offensichtlich der politische Wille. Die Raucher müssten mehr an die Öffentlichkeit gehen. Sie benötigen die Medikamente genauso wie Alkoholkranke oder Drogenabhängige, die entsprechende Entzugsmedikamente bezahlt bekommen. Im Interesse unserer Patienten müssen auch wir Ärzte an dieser Forderung dranbleiben. Ebenso wichtig wäre ein Werbeverbot für Tabak. Deutschland ist mittlerweile das einzige EU-Land, in dem es noch keine umfassenden Werbeverbote für Tabakwaren gibt. Es ist auch unverantwortlich, öffentlich für E-Zigaretten zu werben. Bisher gibt es noch gar keine Studien, die die Ungefährlichkeit belegen. Vielmehr erleichtern sie den Einstieg in eine Raucherkarriere. Auch Rauchverbote im öffentlichen Raum wären sinnvoll.

Ich werde auf jeden Fall versuchen, mir das Rauchen abzugewöhnen. Hoffentlich klappt es mit diesem Programm und hoffentlich ist es wirklich dann dauerhaft geschafft. Dass in der EU nur in Deutschland noch Werbung für Zigaretten gemacht werden darf, hätte ich nicht gedacht. Wird Zeit, dass das auch bei uns verboten wird!

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