Süß, süßer, Zuckerfalle

Eins vorneweg. Wir, das sind Katja und Alex, essen einfach zu gerne süßes Zeug, als dass wir darauf verzichten würden. Daran konnte auch der 1. Deutsche Zuckerreduktionsgipfel des AOK-Bundesverbandes nichts ändern. Doch um Verzicht oder gar Verbote soll es dabei gar nicht gehen. Vielmehr wurde uns an diesem Tag bewusst. Es versteckt sich einfach zu viel Zucker in zu vielen Lebensmitteln und der Lebensmittelindustrie in Deutschland sind dabei kaum Grenzen gesetzt

Das Ziel der AOK: Ein breites Bündnis mit klaren und verbindlichen Zielen für eine schrittweise Reduzierung des süßen Giftes.

„Industrie macht uns abhängig“

Gleich zu Beginn des Tages zeigte Prof. Graham MacGregor, Pionier der „Action on Sugar“-Bewegung in Großbritannien, wohin die Fahrt gehen muss. Schonungslos machte er deutlich, wie sich ungesundes Essen auswirkt: „Zucker ist der einzige Grund für Karies, hat einen großen Anteil an Fettleibigkeit und ist ein Risikofaktor ersten Ranges für Typ-2-Diabetes.“ Mit viel öffentlichem Druck auf die Politik hat sein Aktionsbündnis dafür gesorgt, dass zum Beispiel eine Zuckersteuer auf Limonaden eingeführt wurde.

„Warum erlauben wir der Industrie, unsere Kinder mit diesem Mist vollzustopfen?“

von Prof. Graham MacGregor

Freiwillige Selbstverpflichtung nutzlos

Ein weiteres Plädoyer für mehr politische Intervention hielt Prof. Ilona Kickbusch. Die weltweit gefragte Expertin für Public Health und Mitautorin der WHO-Charta von Ottawa betonte, von freiwilliger Selbstverpflichtung der Industrie sei nichts zu erwarten. Deutschland gehört schon jetzt zu den 10 Ländern weltweit mit den meisten fettleibigen Einwohnern. Einig war sich die Wissenschaftlerin mit Prof. MacGregor auch darin, dass Steuern auf Fett, Salz oder Zucker eine regulierende Wirkung entfalten. Die Strategie der Politik, an den Einzelnen zu appellieren, sich gesund zu ernähren und Übergewicht zu vermeiden, ist wirkungslos geblieben.

Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung haben eine niedrige Gesundheitskompetenz. 60 Prozent verstehen die Nährwertangaben auf Verpackungen nicht.

von Martin Litsch, Vorsitzender AOK-Bundesverband

Zuckergehalt in Lebensmitteln wird unterschätzt

Interessant war auch die erstmals vorgestellte Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Danach unterschätzen 92 Prozent der Eltern den Zuckeranteil in einem handelsüblichen 250-Gramm-Fruchtjoghurt. „Sie gehen im Mittel von vier Stück Würfelzucker aus. Tatsächlich sind es elf“, sagte Institutsdirektor Prof. Ralph Hertwig. Ihre Erkenntnis: Diese Fehleinschätzung ist ein potenzieller Risikofaktor für Übergewicht von Kindern. Eine Lösung wurde auch gleich präsentiert. Wir brauchen mehr Transparenz über versteckten Zucker. Es muss ein verständliches Ampelsystem her, das den Gehalt an Zucker, Fett, Salz und Energie auf den Verpackungen kenntlich macht. Ein Bündnis hatte diese Form der Lebensmittelkennzeichnung bereits 2010 eingefordert. Doch diese Idee scheiterte seiner Zeit an der Lobby der Nahrungsmittelindustrie.

Lustige Cartoons und Comicfiguren

Neben der Lebensmittelampel wurde eine weitere Forderung an diesem Tag offensichtlich: Es muss ein Verbot von Kindermarketing im TV und Onlinebereich geben. Für Martin Litsch eine klare Angelegenheit: „Unser Engagement im Bereich der Prävention und Gesundheitsinformation wird von der profitorientierten Lebensmittelindustrie durch aggressive Marketingstrategien immer wieder konterkariert.“ Auch Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft, die sich ebenfalls für das Aktionsbündnis engagieren will, sieht die Entwicklung kritisch. „Die Industrie gibt für Süßwaren hundertmal mehr Werbegeld aus als für Obst und Gemüse. Für Information und Aufklärung steht nicht einmal ein Prozent allein der Süßwarenwerbung zur Verfügung.“


Bloß nicht in die Zuckerschlucht fallen. Obwohl, für leckere Donuts tue ich alles. Dieser 3D-Motiv-Teppich ist Teil der AOK PLUS-Kampagne „Weniger Zucker ist süß“ im Juli.

Nicht der Zucker ist Schuld, sondern die Energiebilanz muss stimmen

Streitlustiger wurden die versammelten Vertreter beim Auftritt von Günter Tissen von der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker. Der Lobbyist der deutschen Rübenzuckerhersteller vertrat die These: Entscheidend ist die Kalorienbilanz. Daraus entwickelte sich während der Podiumsdiskussion und dem Statement von Tissen eine komplexe wissenschaftliche Diskussion. Sagen wir mal, es ging um bösen und guten Zucker. Tissen warnte deshalb vor dem „Reformulieren“ d.h. dem Ersetzen vom „guten Rübenzucker“ durch chemiekünstliche Ersatzstoffe und deren Folgen. An diesem Punkt wünschte er sich mehr Ehrlichkeit in der Debatte.

Kosten von 70 Milliarden

Kurz vor der Bundestagswahl haben auch Vertreter der großen Parteien CDU, SPD und Grüne den Weg zum Zuckerreduktionsgipfel gefunden. Statt Wahlkampf herrschte parteiübergreifend seltene Einigkeit. Um endlich gegen den versteckten Zucker anzugehen, plädierte CDU-Gesundheitspolitiker Dietrich Monstadt für eine ressortübergreifende Zucker-Initiative. Die Politikerinnen Schulz-Asche und Dobrinsky-Weiß pflichteten dem bei. Das etwas getan werden muss, zeigt sich allein daran, dass ernährungsbedingte Krankheiten Kosten von rund 70 Milliarden Euro verursachen. AOK-Chef Litsch resümiert: „Für die Behandlung zahlen nicht die Krankenkassen, sondern die Versicherten über ihre Beiträge.“ Der nächste #ZRG2018 wird kommen.

Eigene AOK PLUS-Kampagne

Der erste Zuckerreduktionsgipfel ist zudem für die AOK PLUS der Auftakt, sich den süßen Stoff mal genauer anzuschauen. Vom 3. bis zum 30. Juli dreht sich deshalb alles einen Monat lang unter dem Motto „Weniger Zucker ist süß“ um Zucker. Nächste Woche reden wir hier auf dem Blog mit Gesundheitswissenschaftlerin Hannah Frey über Zuckerfallen in Lebensmitteln, wie man dem Heißhunger entkommt und welche Zucker-Alternativen es gibt. Sie begleitet außerdem eine AOK PLUS versicherte Familie eine Woche lang bei dem Vorhaben, zuckerarm zu kochen.

Gut, das diese Initiative ins Leben gerufen wurde. Nur reichlich spät das Ganze. Bis verbindliche Regelungen für alle getroffen werden, Vergehen sich wieder 10 Jahre.

Antworten

Super tolles Thema.
Ich bin Mutter von zwei Jungs 4 und 2 Jahre.
Da möchte man gerne mit etwas süßen den Tag versüßen. In kleinen Mengen am Tag das heißt zwei Gummitiere oder ein Pudding als Nachtisch reichen da vollkommen aus. Sie sollen es ja auch als etwas besonderes zu schätzen wissen.
Wir ernähren uns selbst sonst sehr bewusst und sind weit weg gekommen von dem ganzen Industriemüll, den diese jene uns anbietet. Durch industriell hergestellte Nahrung kann man nur krank werden. Und leider nicht nur wir. Durch die ganze Verpackung wird auch die Erde 🌍 krank.

Antworten

Ich möchte schon selbst und bewusst entscheiden, was ich esse und trinke. Damit dass gelingt, muss die Kennzeichnung der Lebensmittel besser werden. Nicht alles mikroskopisch klein und so formuliert, dass es nur ein Chemiker verstehen kann. Klare Information über Zucker, Süßstoffe, Zuckerersatzstoffe usw. brauche ich.

Ansonsten sehr gute Aktion der AOK!

Antworten

Diskutieren Sie mit

Schreiben Sie uns Ihre Meinung. Wir freuen uns auf interessante Gespräche und Diskussionen.
Wir behalten uns vor Kommentare zu löschen, die nicht unserer Netiquette entsprechen.

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.

Schließen Newsletter-Anmeldung