Wenn bis drei zählen nicht mehr reicht

Urheber: didesign

16-08-31-adhs_grafik_wido-aokIm Jahr 2015 erhielten 4,4 Prozent der sächsischen und 5,1 Prozent der Thüringer AOK-PLUS-versicherten Kinder im Alter von 0 bis 18 Jahren die Diagnose Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) gestellt. Symptome sind u.a. Unaufmerksamkeit, motorische Unruhe und Impulsivität.  Jungen sind mit 73 Prozent wesentlich häufiger betroffen als Mädchen mit 27 Prozent. Der Bundesdurchschnitt der AOK-versicherten Kinder lag ein Jahr zuvor bei 4,4 Prozent.

Steter Anstieg der Diagnose

Auch wenn die Zahl der Kinder mit einer ADHS-Diagnose kontinuierlich stieg, sank glücklicherweise der Verbrauch von Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin, schon im Jahr 2014. Eltern und Ärzte halten offenbar zunehmend Ausschau nach alternativen Therapiemöglichkeiten.

Alternative Angebote – der Elterntrainer

Ein zusätzliches Hilfsangebot startete aktuell die AOK mit dem „ADHS-Elterntrainer“ für Eltern in schwierigen Erziehungssituationen. Das wissenschaftlich fundierte Online-Programm bietet umfassende und kostenlose Unterstützung für Mütter und Väter, die durch Verhaltensprobleme ihrer Kinder besonders belastet sind. Anhand von 44 Filmsequenzen zu typischen Situationen aus dem Familienalltag vermittelt das Trainingsprogramm einfache verhaltenstherapeutische Methoden.

Erhöhtes Stresspotenzial beim Thema Hausaufgaben

Beispielsweise befasst sich der Trainingsbereich „Verhaltensprobleme lösen“ ausführlich mit den Themen, die am häufigsten den Familienfrieden auf die Probe stellen. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass Chaos im Kinderzimmer und Hausaufgaben regelmäßig zu lebhaften Auseinandersetzungen führen. Auch ohne die Diagnose ADHS. Im Selbstversuch wählte ich zunächst das Thema Hausaufgaben, denn immer wieder führen wir hier endlose Diskussionen und es wird gezappelt und geschimpft.

Keine schnelle Nummer

Ein Film schildert die Problemsituation, wie sie viele von uns kennen. Die darauffolgenden Regeln und Konsequenzen schienen mir zunächst zu einfach: Jedes Fach in einer vorgegeben Zeit erledigen oder jedes Fach ohne Unterbrechungen durcharbeiten. „Pah“, dachte ich. „Leichter gesagt als getan“. Doch je länger ich mich damit beschäftigte, desto mehr wurde mir bewusst, was ich verbessern kann und mit klaren Regeln auch klare Verhältnisse schaffen sollte. Alles was ich brauche ist Zeit und Geduld.

Mein Fazit: Für alle Eltern geeignet

Der Elterntrainer richtet sich nicht nur an Eltern von Kindern mit ADHS. Er ist grundsätzlich für alle Eltern mit besonders unruhigen, unaufmerksamen oder trotzigen Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren geeignet. Der Trainer ist ein Hilfsangebot für Mütter und Väter, Alltagssituationen zu entschärfen, ihnen Lösungen aufzuzeigen und Handlungsoptionen vorzuschlagen. Er ist nichts für schnelle Veränderungen, denn das Einüben von Verhaltensweisen bedarf Zeit. Die sollte man sich nehmen.

Wenn die Zahl der ADHS-Kinder immer weiter steigt, wäre es dann nicht ein Gebot der Stunde, nach den genauen Ursachen zu forschen und dort anzusetzen? Wir haben den Elterntrainer aber selbst ausprobiert und können nur bestätigen, dass er schon eine gewisse Unterstützung bietet. Man lernt vor allem viel über sich selbst und kann sein Verhalten entsprechend der jeweiligen Situation anpassen. Es braucht halt einen langen Atem, wie in dem Text bereits ausgeführt wurde.

Antworten

Liebe Familie Claus,
im aktuellen SPIEGEL Nr. 37 / vom 10.09.2016 gibt es einen interessanten Beitrag zu ADHS. Wie dort die umstrittene Gabe des Medikaments Ritalin thematisiert wird, zeigt meiner Meinung nach, dass die Ursachenforschung, die Sie fordern, noch ziemlich weit von Ergebnissen entfernt ist.

https://magazin.spiegel.de/SP/2016/37/146740070/?utm_source

Antworten

Ich habe viele Jahre als Elternvertreter an der Schule meines Sohnes gearbeitet. In einem Elternabend der 7. Klasse ging es mal um ADHS. Da wurden Eltern tatsächlich aufgefordert, sich für ihren Sohn vom Kinderarzt Ritalin verschreiben zu lassen, damit er an der geplanten Klassenfahrt teilnehmen dürfte. Das wurde laut Lehrerin in der Lehrerschaft als legitimes Mittel zur Herstellung eines guten Lernklimas angesehen.
Da finde ich (auch ohne abschließende Forschungsergebnisse) den Elterntrainer wesentlich besser.

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