„Zucker ist der Alkohol der Kinder“: Ein Gespräch mit Prof. Robert Lustig über Essen, Diabetes und preisgekrönte Werbekampagnen

Hätte die Ernährungsministerin etwas länger beim Zuckerreduktionsgipfel des AOK-Bundesverbands verweilt, sie hätte eine Gegenrede zu hören bekommen, die sich gewaschen hat. So, wie die Terminpläne aber lagen, war Julia Klöckner nicht im Raum, als Prof. Robert Lustig mit drastischen Worten mehr echtes politisches Engagement zur Absenkung des Zuckergehalts in Lebensmitteln forderte. Lustig weiß, wovon der spricht: Er ist als Arzt in Kalifornien tätig und behandelt Kinder und Jugendliche, die durch Fehlernährung krank geworden sind.

Problematischer Geschmacksträger

„Zucker macht süchtig und muss deshalb unbedingt reguliert werden“, sagt er. Besonders kritisch steht der Mediziner der Lebensmittelindustrie gegenüber: „Schon in den 60er- und 70er-Jahren haben Lobbygruppen unermüdlich daran gearbeitet, das Image von Zucker aufzupolieren. Sie haben wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel gezogen, Forscher bestochen und Kritiker für sich vereinnahmt. In den USA hat die Zuckerwirtschaft sogar einen Preis von der PR-Branche bekommen für ihre Bemühungen, die öffentliche Meinung über Zucker zum Positiven zu verändern.“

Die Lebensmittelindustrie weiß, dass sie ein Problem hat.

von Prof. Robert Lustig

Das hatte große Auswirkungen auf die Ernährungsgewohnheiten: Fettreduzierte Lebensmittel waren angesagt. „Fettreduzierte Lebensmittel an sich schmecken nicht sonderlich gut, also fügen die Hersteller häufig Zucker als Geschmacksträger hinzu“, so Robert Lustig.

Typ 2-Diabetes im Kindesalter

Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, die zeigen, wie sich diese Fixierung auf Fettreduziertes auswirkt – nicht nur hinsichtlich des Zuckerkonsums, sondern auch hinsichtlich von Gesundheitsschäden. „Heute sind wegen dieser Fehlernährung viele Menschen körperlich krank, übergewichtig, zuckersüchtig und unglücklich.“

Übermäßiger Zuckerkonsum führt u.a. dazu, dass heute schon Kinder an Typ 2-Diabetes erkranken – ursprünglich mal als Altersdiabetes bekannt – oder eine nicht-alkoholische Fettleber haben. Das bedeutet, dass ihre Leber schon in jungen Jahren aussieht, als wären sie jahrelang alkoholabhängig gewesen.

„Ich spreche mit den Lebensmittelherstellern und sie sind sich im Klaren, dass die Zusammensetzung vieler Produkte problematisch ist“ sagt Robert Lustig. „Sie werden das aber nicht öffentlich zugeben – aus dem einfachen Grund, dass sie keinen Umsatz verlieren wollen.“ Deshalb ruft der Professor Verbraucher auf, sich mit den eigenen Ernährungsgewohnheiten auseinanderzusetzen und genauer hinzuschauen, was im Essen steckt.

„Die Faustregel lautet: Verarbeitete Lebensmittel enthalten viel Zucker und wenige Ballaststoffe. Unverarbeitete Lebensmittel enthalten wenig Zucker, dafür aber viele Ballaststoffe. Wenig Zucker bedeutet, dass die Leber nicht belastet wird, und von den ganzen Ballaststoffen kommt ein sehr großer Teil den Bakterien im Verdauungstrakt zugute. Deshalb sage ich immer: Leute, esst echte Lebensmittel.“


 

Interessante Links:

Mehr Informationen zur AOK-Initiative #wenigerZucker

Tipps zum Lesen und Verstehen von Nährwertabgaben von Bloggerin und Ernährungsexpertin Hannah Frey

Ernährungsberatung für Versicherte der AOK PLUS

Das ist natürlich richtig, wir essen zu viel Zucker. Aber man möchte sich und den Kindern doch auch etwas gönnen. Immer nur Apfel statt Schokolade? Und abends beim spannenden Film Radieschen statt Salzstangen? Im Kino kein Popcorn? Ich bin nicht sicher, ob man das durchhalten kann. Wo bleibt der Spaß?!

Antworten

Hallo Michelle, zugegeben: Ich möchte auch nicht auf Popcorn im Kino verzichten. Aber es geht uns auch gar nicht darum, Popcorn oder Schokolade zu verbieten. Wir wollen vielmehr darauf aufmerksam machen, dass in vielen anderen Lebensmitteln Zucker steckt, obwohl man ihn dort nicht vermutet, z.B. im Frühstücksmüsli, im Fruchtjoghurt oder in fettreduzierten Produkten. In diesem alltäglichen Zuckerkonsum steckt ein viel größeres Gesundheitsrisiko als in einer Portion Popcorn beim gelegentlichen Kinobesuch.

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